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Alterstorheiten

Sachsen-Anhalt: Der Aufbruch beginnt genau jetzt

Es gibt Wahlergebnisse, nach denen die Parteien ihre üblichen Sätze aufsagen. Man habe verstanden. Man müsse besser erklären. Man werde zuhören. Man müsse die Menschen wieder erreichen. Und dann gibt es Wahlergebnisse, nach denen diese Sätze plötzlich lächerlich wirken. Sachsen-Anhalt gehört zur zweiten Kategorie. Am 6. September 2026 haben 43,8 Prozent der Wähler ihre Zweitstimme der AfD gegeben. Die CDU, 2021 noch mit 37,1 Prozent stärkste Kraft, stürzte auf 17,2 Prozent ab. Fast zwanzig Prozentpunkte Verlust. Die SPD kam auf 9,3 Prozent, die Grünen auf 8,9, die Linke auf 8,6 Prozent. Gleichzeitig stieg die Wahlbeteiligung auf 77,8 Prozent. Wer angesichts solcher Zahlen noch von einem gewöhnlichen Regierungswechsel spricht, hat nicht verstanden, was passiert ist. Das war kein Räuspern des Souveräns. Das war eine Kündigung. Und vielleicht liegt genau darin eine Chance. Nicht deshalb, weil nun automatisch alles besser wird. Nicht deshalb, weil eine Partei, nur weil sie eine Wahl gewinnt, plötzlich alle Antworten besitzt. Und schon gar nicht deshalb, weil 43,8 Prozent der Stimmen ausreichen würden, die anderen 56,2 Prozent politisch für bedeutungslos zu erklären. Die Chance liegt woanders. Zum ersten Mal seit Langem kann niemand mehr so tun, als könne es einfach weitergehen. Der Wähler hat nicht „falsch“ gewählt Seit Jahren beobachten wir ein seltsames Ritual. Wenn Wahlen Ergebnisse hervorbringen, die den etablierten Parteien nicht gefallen, beginnt augenblicklich die Suche nach Erklärungen für den Wähler. Er ist enttäuscht. Er hat Angst. Er fühlt sich abgehängt. Er wurde im Internet beeinflusst. Er protestiert. Nur auf eine Idee kommt man erstaunlich selten: Vielleicht hat dieser Wähler… Weiterlesen »Sachsen-Anhalt: Der Aufbruch beginnt genau jetzt

Wenn eine Frage nicht mehr nur eine Frage ist

Mein neues Buch: „Die Einordnung“ Es gibt Romane, die mit einem Mord beginnen, mit einer Reise, mit einer großen Liebe oder einem Geheimnis aus der Vergangenheit. Die Einordnung beginnt leiser. In einem hellen Saal. Auf einer Veranstaltung. Auf einer Leinwand steht: Demokratie schützen. Es gibt ein Podium, Wassergläser, Namensschilder, eine Moderatorin, ein Publikum, das nicht gekommen ist, um zu streiten. Alles ist geordnet. Alles ist vorbereitet. Alles hat den Ton eines Abends, an dem niemand schreien wird.

Wie Sprache für uns denkt

Klemperer, Orwell und der gegenwärtige Diskurs Zwei Bücher, fast gleichzeitig erschienen, kurz nach 1945, in zwei verschiedenen Sprachen. Viktor Klemperers LTI – Notizbuch eines Philologen von 1947, ein Tagebuchprojekt aus zwölf Dunkeljahren. George Orwells Politics and the English Language von 1946, ein Essay von wenigen Seiten, der jahrzehntelang in britischen Schulbüchern stand. Beide Texte teilen einen Verdacht. Dass die Krise eines Gemeinwesens an seiner Sprache zuerst sichtbar wird. Und dass, wer Sprache laufen lässt, irgendwann Dinge denkt, die er gar nicht denken wollte. Klemperers berühmtes Bild: Worte wirkten wie winzige Arsendosen – einzeln unscheinbar, in der Wiederholung wirksam. Die Pointe liegt nicht im einzelnen Wort. Sie liegt in der Frequenz. In der Selbstverständlichkeit, mit der man eines Tages Vokabeln im Mund hat, deren Herkunft man nicht mehr prüft, weil ihre Allgegenwart die Frage überflüssig gemacht hat. Sprache, schreibt er, denkt und dichtet für uns, wenn wir sie nicht denken lassen. Orwell formuliert dieselbe Beobachtung trockener. Sprache und Denken stehen in einer Rückkopplungsschleife: das Denken werde schlampig, weil die Sprache schlampig sei, und umgekehrt. Daraus folgt für ihn ein Verfahren. Er listet die Krankheitsbilder auf: erstarrte Metaphern, umständliche Verbkonstruktionen, anmaßende Diktion, sinnentleerte Wörter. Und er endet mit sechs Regeln, von denen alle auf dasselbe hinauslaufen: lieber das eigene Wort suchen als das vorgefundene übernehmen. Beide Autoren reden über sehr verschiedene Verhältnisse. Klemperer beobachtet eine Diktatur, in der Sprache zur Waffe geschmiedet wurde. Orwell beobachtet sein eigenes Land, eine parlamentarische Demokratie, in der Sprache verfault, weil sich niemand mehr die Mühe gibt, sie zu pflegen. Die Diagnose… Weiterlesen »Wie Sprache für uns denkt