
Über den Niedergang eines Bildungssystems, die verlorenen Fähigkeiten unserer Kinder und die Frage, weshalb wir ausgerechnet an unserer Zukunft sparen.
Es gehört zu den bemerkenswerten Erscheinungen unserer Zeit, dass Deutschland nahezu ununterbrochen über Bildung diskutiert, während die Ergebnisse seines Bildungssystems seit Jahren schlechter werden. Es wird reformiert, evaluiert, digitalisiert und über Chancengleichheit gesprochen. Bildungsminister kommen und gehen, neue Konzepte werden vorgestellt, und regelmäßig versichert man uns, dass die Kinder im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen.
Die Kinder selbst scheinen davon allerdings immer weniger zu profitieren.
Sie können zunehmend schlechter lesen, schreiben und rechnen. Manche haben Schwierigkeiten mit körperlichen Fähigkeiten, die früher zum selbstverständlichen Bestandteil einer Kindheit gehörten. Gleichzeitig verfallen Schulgebäude, es fehlen Lehrkräfte und Unterrichtsmaterialien, und vielerorts wird bereits die Aufrechterhaltung eines geordneten Unterrichts zur Herausforderung.
Vielleicht sollten wir uns deshalb einmal von der Vorstellung verabschieden, die deutsche Bildungsmisere sei ein Problem, das sich durch eine weitere Reform, ein zusätzliches Förderprogramm oder eine neue pädagogische Modeerscheinung lösen ließe.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres.
Es geht darum, welchen Stellenwert Bildung in unserer Gesellschaft tatsächlich besitzt. Nicht in Sonntagsreden, sondern im täglichen Handeln.
1. PISA – Die Katastrophe mit regelmäßiger Wiedervorlage
Wenn der Leistungsabfall zum Normalzustand wird
Die am 8. September 2026 veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025 zeichnen ein ernüchterndes Bild. Deutschlands Fünfzehnjährige erzielten in Mathematik und Lesekompetenz erneut schlechtere Ergebnisse als 2022. In den Naturwissenschaften stagnierten die Leistungen auf dem bereits niedrigen Niveau.
In allen drei Bereichen wurden die niedrigsten Werte seit Beginn der deutschen PISA-Teilnahme gemessen. Gegenüber 2015 stieg der Anteil der leistungsschwachen Jugendlichen in Mathematik um 17 Prozentpunkte, beim Lesen um 15 und in den Naturwissenschaften um 10 Prozentpunkte.
Man muss sich klarmachen, was hinter diesen Zahlen steht.
Es handelt sich um Jugendliche, denen grundlegende Voraussetzungen fehlen, um eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren, komplexe Texte zu verstehen oder sich weiterführende Kenntnisse selbstständig anzueignen.
Auch der IQB-Bildungstrend 2024 bestätigt diese Entwicklung. Rund 34 Prozent der untersuchten Neuntklässler verfehlten den mathematischen Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss. Selbst unter den Jugendlichen, die mindestens diesen Abschluss anstreben, waren es noch etwa 24 Prozent.
Das ist keine vorübergehende Schwäche einzelner Schüler. Hier geht es um einen erheblichen Teil einer ganzen Generation.
Dabei wird das Problem regelmäßig festgestellt, statistisch aufbereitet und anschließend mit großer Betroffenheit kommentiert. Bis zur nächsten Studie.
Fast könnte man meinen, Deutschland habe inzwischen eine besondere Fähigkeit entwickelt: das Scheitern seines Bildungssystems präzise zu dokumentieren, ohne dessen Ursachen ausreichend zu beseitigen.
2. Wenn Kinder und Schulgebäude gleichermaßen ihre Substanz verlieren
Rückwärtsgehen, hüpfen, balancieren
Besonders beschäftigt mich eine Entwicklung, die über schlechte Mathematiknoten hinausgeht. Manche Kinder haben inzwischen Schwierigkeiten mit Bewegungsabläufen, über die früher kaum jemand nachgedacht hätte: rückwärts balancieren, auf einem Bein hüpfen, springen oder das Gleichgewicht halten.
Das Fitnessbarometer 2026 der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg dokumentiert entsprechende motorische Entwicklungsprobleme. Der Fitnessindex der untersuchten Kinder liegt mit 53,2 Punkten weiterhin unter dem Vergleichswert von 57 Punkten aus der Zeit vor der Pandemie. Besonders die Ausdauer bereitet Probleme.
Natürlich kann man daraus nicht schließen, dass eine ganze Generation nicht mehr rückwärtsgehen könnte. Aber die Ergebnisse sind ein Hinweis darauf, dass körperliche Entwicklung wieder größere Aufmerksamkeit verdient.
Ein Kind lernt seine Umwelt nicht allein durch das Betrachten eines Bildschirms kennen. Es muss klettern, laufen, springen, fallen, wieder aufstehen und es erneut versuchen. Dabei entwickelt es Körpergefühl, Koordination und ein Verständnis für seine eigenen Möglichkeiten.
Wer auf einen Baum klettert, muss Entscheidungen treffen. Wer einen Sprung nicht schafft, muss seine Bewegungen verändern. Und wer beim Balancieren herunterfällt, bekommt eine unmittelbare Rückmeldung.
Der Körper kennt keine pädagogische Noteninflation.
Ein Ast trägt oder er trägt nicht.
Die Schulen verfallen gleich mit
Während wir über die körperliche Entwicklung unserer Kinder diskutieren, befinden sich zahlreiche Schulgebäude selbst in einem Zustand, der Fragen aufwirft.
Das KfW-Kommunalpanel 2026 beziffert den von den Kommunen wahrgenommenen Investitionsrückstand bei Schulen auf rund 68,9 Milliarden Euro.
Hinter dieser Summe stehen sanierungsbedürftige Gebäude, veraltete technische Anlagen, unzureichende Ausstattung und beschädigte Sanitärbereiche.
Gerade die Schultoiletten sind vielerorts zum Sinnbild eines Problems geworden, das weit über die Gebäudeverwaltung hinausgeht.
Wir sprechen über Kinderrechte, Wertschätzung und eine förderliche Lernumgebung. Gleichzeitig sollen Kinder täglich Gebäude besuchen, deren Zustand bisweilen kaum erkennen lässt, dass Bildung zu den wichtigsten Aufgaben dieses Landes gehört.
Welches Verhältnis zu ihrer eigenen Schule sollen Kinder entwickeln, wenn ihnen schon deren baulicher Zustand vermittelt, dass sich offenbar niemand ausreichend um sie kümmert?
Ein Schulgebäude ist schließlich mehr als ein Dach über einigen Klassenzimmern. Es ist ein Lebensraum.
Und wer möchte, dass Kinder ihre Umgebung achten, sollte ihnen eine Umgebung zur Verfügung stellen, die diese Achtung auch verdient.
3. Lehrmittel – Notfalls selbst gekauft
Nicht weniger bemerkenswert ist die Situation bei der Unterrichtsausstattung.
Lehrer sollen unterrichten, fördern, dokumentieren, Konflikte lösen, sich fortbilden und zunehmend auch Aufgaben übernehmen, die früher stärker im Elternhaus oder anderen gesellschaftlichen Einrichtungen verankert waren.
Nebenbei müssen sie sich häufig um geeignetes Unterrichtsmaterial kümmern.
Plattformen wie eduki.com, auf denen Lehrkräfte selbst entwickelte Arbeitsblätter, Unterrichtsentwürfe und andere Materialien anbieten, sind inzwischen fester Bestandteil der Unterrichtsvorbereitung geworden. Die Materialien werden teilweise kostenlos bereitgestellt, teilweise verkauft; auch Schulen können sie für ihre Kollegien erwerben.
Gegen den Austausch guter Unterrichtsideen ist selbstverständlich nichts einzuwenden.
Aber die Frage bleibt, weshalb die individuelle Beschaffung und Entwicklung geeigneter Materialien eine derart große Rolle spielen muss.
Während Bildungspolitiker über neue pädagogische Konzepte sprechen, suchen Lehrkräfte nach Arbeitsblättern, mit denen sie am nächsten Morgen tatsächlich unterrichten können.
Vielleicht beschreibt dieser Gegensatz einen wesentlichen Teil unserer Bildungsmisere.
Die theoretischen Ansprüche werden immer umfangreicher. Die praktischen Voraussetzungen halten nicht Schritt.
4. Gewalt, Integration und das Recht auf Unterricht
Auch das gesellschaftliche Klima an Schulen verdient Aufmerksamkeit.
Im Deutschen Schulbarometer 2024 bezeichneten 47 Prozent der befragten Lehrkräfte psychische oder körperliche Gewalt unter Schülern an ihrer Schule als Problem. An Schulen in sozial benachteiligter Lage waren es sogar 69 Prozent.
Die Entwicklung unterscheidet sich regional und nach Art der Gewalt. Nicht jede Statistik zeigt einen kontinuierlichen Anstieg. Das Problem selbst ist jedoch erheblich.
Eine Schule muss ein Ort sein, an dem Kinder lernen können, ohne bedroht oder eingeschüchtert zu werden.
Wer Mitschüler angreift, wer Unterricht wiederholt unmöglich macht oder andere systematisch herabsetzt, beeinträchtigt nicht nur seine eigene Entwicklung, sondern auch die Bildungschancen der übrigen Kinder.
Dabei geht es nicht darum, jedes Fehlverhalten zu kriminalisieren. Kinder brauchen Unterstützung und die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Aber Unterstützung und verbindliche Regeln sind keine Gegensätze.
Integration beginnt mit Sprache
In diesem Zusammenhang gehört auch die Integrationsfrage auf den Tisch.
Kinder, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden, können dem Unterricht nur eingeschränkt folgen. Sie verstehen Aufgabenstellungen nicht vollständig, können Fragen nicht angemessen formulieren und haben Schwierigkeiten, sich Wissen in anderen Fächern anzueignen.
Dieses Problem betrifft nicht ausschließlich neu zugewanderte Kinder. Auch in Deutschland geborene Kinder können erhebliche Sprachdefizite aufweisen.
Entscheidend ist deshalb, dass Sprachförderung frühzeitig beginnt und nicht erst dann, wenn das Kind bereits mehrere Schuljahre hinter seinen Mitschülern zurückliegt.
Integration bedeutet zudem mehr als gemeinsame Anwesenheit in einem Klassenzimmer. Sie verlangt gemeinsame Regeln, gegenseitigen Respekt und die Anerkennung jener Grundlagen, auf denen unser Zusammenleben beruht.
Dazu gehören die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, die Freiheit der Meinungsäußerung und die Achtung der Rechte anderer.
Sprachdefizite und Gewalt dürfen dabei nicht pauschal miteinander gleichgesetzt werden. Es sind unterschiedliche Probleme, die unterschiedliche Maßnahmen erfordern.
Sie treffen allerdings häufig auf dieselben Schulen, deren Personal und Ausstattung bereits an anderer Stelle fehlen.
5. Nicht jeder Lehrer ist ein Opfer des Systems
Bei aller berechtigten Kritik an Lehrermangel und schwierigen Arbeitsbedingungen darf die Verantwortung der Lehrkräfte selbst nicht ausgeklammert werden.
Nicht jedes Problem entsteht durch fehlende finanzielle Mittel.
Es gibt auch die Frage, wie unterrichtet wird, welche pädagogischen Vorstellungen vermittelt werden und ob Lehrkräfte ihre persönliche Weltanschauung von ihrem Bildungsauftrag unterscheiden können.
Besonders deutlich wird dies im Politikunterricht.
Schule soll vermitteln, wie Demokratie funktioniert, welche Aufgaben die staatlichen Institutionen erfüllen und welche Rechte und Pflichten Bürger besitzen.
Sie soll Schüler befähigen, politische Positionen zu verstehen, Argumente zu prüfen und eigene Urteile zu entwickeln.
Sie soll nicht zum Instrument persönlicher parteipolitischer Überzeugungen werden.
Der Beutelsbacher Konsens formuliert dafür seit 1976 drei grundlegende Prinzipien: das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot und die Orientierung an den Interessen der Schüler.
Eine Lehrkraft darf politische Positionen kritisch behandeln und muss für die Grundwerte unserer Verfassung eintreten. Sie darf aber ihre Autorität nicht dazu benutzen, Schüler auf eine bestimmte parteipolitische Haltung festzulegen.
Eine sachliche Untersuchung eines Parteiprogramms ist etwas anderes als die pauschale Herabsetzung einer Partei oder ihrer Anhänger.
Ebenso muss ein Schüler die Möglichkeit besitzen, eine abweichende Meinung zu vertreten, ohne deshalb schulische Nachteile befürchten zu müssen.
Das gilt unabhängig davon, welche politischen Überzeugungen die jeweilige Lehrkraft besitzt.
Wer Demokratie vermitteln möchte, muss auch demokratische Auseinandersetzung ermöglichen.
Und wer selbstständiges Denken fördern will, darf nicht lediglich die Wiederholung erwünschter Ansichten belohnen.
6. Leistung ist wichtig – Förderung ist wichtiger
Damit kommen wir zu einer Frage, die in der gegenwärtigen Bildungsdebatte häufig unzureichend behandelt wird.
Brauchen Kinder mehr Noten, mehr Wettbewerb und höhere Anforderungen?
Vielleicht sollten wir zunächst fragen, was wir ihnen ermöglichen müssen, damit sie diese Anforderungen überhaupt erfüllen können.
Eine schlechte Note vermittelt noch keine fehlenden Kenntnisse. Ein zusätzlicher Wettbewerb macht aus einem Kind mit erheblichen Lernrückständen nicht automatisch einen leistungsfähigen Schüler.
Was es benötigt, ist Förderung.
Allerdings setzt sinnvolle Förderung voraus, dass wir wissen, welche Fähigkeiten vorhanden sind und welche fehlen.
Wenn ein Kind nicht ausreichend lesen kann, muss dies festgestellt werden. Anschließend muss es die Unterstützung erhalten, die notwendig ist, um seine Fähigkeiten zu entwickeln.
Ein Zeugnis kann Kompetenzen dokumentieren. Es kann sie nicht herbeiführen.
Wenn alle unten sind, kann sich niemand mehr abgehängt fühlen
Hier liegt die Gefahr einer falsch verstandenen Gleichheit.
Wenn Leistungsunterschiede als Problem betrachtet werden, entsteht möglicherweise die Versuchung, sie weniger sichtbar zu machen, anstatt ihre Ursachen zu bearbeiten.
Dann gilt irgendwann der zynische Gedanke: Wenn alle unten sind, kann sich auch niemand mehr abgehängt fühlen.
Natürlich beschreibt das keine nachgewiesene bundesweite Bildungsstrategie. Es ist eine Warnung vor der Verwechslung von gleichen Chancen und gleichen Ergebnissen auf dem Papier.
Denn einem Kind hilft es nicht, wenn sein Rückstand im Zeugnis freundlicher formuliert wird.
Es hilft ihm, wenn es diesen Rückstand tatsächlich aufholen kann.
Auch Wettbewerb besitzt seinen Platz. Kinder dürfen erleben, dass jemand anderes etwas besser beherrscht. Sie dürfen gewinnen, verlieren, üben und sich verbessern.
Aber der Sinn von Bildung besteht nicht darin, möglichst viele Verlierer und einige Gewinner hervorzubringen.
Er besteht darin, Fähigkeiten zu entwickeln.
Und dazu braucht es mehr als Bewertungsverfahren.
Es braucht einen Plan.
7. Was wir von der DDR und Finnland lernen können
Bildung als zusammenhängendes System
Ich habe selbst 32 Jahre in der DDR gelebt. Deshalb fällt es mir schwer, über deren Bildungssystem ausschließlich in jenen politischen Kategorien zu sprechen, in denen es heute häufig betrachtet wird.
Natürlich war dieses System ideologisch geprägt. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit gehörte ausdrücklich zu seinen Aufgaben. Politische Loyalität konnte Bildungswege beeinflussen.
Aber daneben existierte eine fachliche Bildungsstruktur, die eine eigenständige Betrachtung verdient.
Von der Vorschulerziehung über die zehnklassige Polytechnische Oberschule bis zur beruflichen Ausbildung war das Bildungssystem aufeinander abgestimmt. Einheitliche Lehrpläne legten fest, welche Kenntnisse vermittelt werden sollten. Mathematik, Naturwissenschaften und die Verbindung von theoretischer und praktischer Bildung besaßen einen hohen Stellenwert. Auch die Lehrerausbildung war fachlich und didaktisch systematisch organisiert.
Die politische Indoktrination gehört zur historischen Kritik an diesem System. Seine fachlichen und organisatorischen Elemente können dennoch untersucht werden.
Man muss schließlich nicht die DDR zurückhaben wollen, um anzuerkennen, dass es dort Unterrichtsstrukturen gab, die auch heute eine fachliche Auseinandersetzung verdienen.
Finnland – Förderung statt bloßer Selektion
Interessant ist in diesem Zusammenhang Finnland.
Während der Entwicklung seines Schulsystems beschäftigte sich das Land mit verschiedenen ausländischen Bildungsmodellen, darunter auch dem DDR-Schulwesen.
Die Behauptung, Finnland habe das DDR-System vollständig übernommen, geht allerdings zu weit. Seine Schulreform entstand aus mehreren Einflüssen, insbesondere auch aus skandinavischen Bildungstraditionen.
Dennoch ist der Vergleich aufschlussreich.
Finnland entwickelte ein Gesamtschulsystem mit längerer gemeinsamer Schulzeit und einem besonderen Augenmerk auf die Förderung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen.
Bei PISA 2025 lag das Land in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften weiterhin über dem OECD-Durchschnitt, obwohl auch dort die Leistungen seit längerer Zeit zurückgehen.
Der entscheidende Gedanke ist für mich nicht, ein historisches oder ausländisches Modell vollständig zu übernehmen.
Es ist die Frage, weshalb wir nicht systematischer untersuchen, welche Formen frühzeitiger Förderung, verbindlicher Lehrpläne und aufeinander abgestimmter Bildungswege tatsächlich funktionieren.
Eine Schule braucht fachliche Ziele. Aber sie braucht vor allem die Mittel und Methoden, um möglichst viele Kinder zu befähigen, diese Ziele zu erreichen.
8. Der Fisch stinkt vom Kopf her
Bildung am Katzentisch der Politik
Damit gelangen wir schließlich dorthin, wo die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
In die Ministerien.
Mitunter entsteht der Eindruck, dass Bildungs- und Sozialressorts bei der öffentlichen Wahrnehmung politischer Führungspositionen nicht denselben Stellenwert besitzen wie Finanz-, Wirtschafts- oder Außenpolitik.
Dabei sollte gerade bei der Besetzung solcher Ämter die fachliche Verantwortung im Mittelpunkt stehen.
Es geht schließlich nicht um irgendeinen Verwaltungsbereich, sondern um die Zukunft ganzer Generationen.
Die Zuständigkeit für das Schulwesen liegt in Deutschland überwiegend bei den Bundesländern. Das ändert jedoch nichts an der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung dieser Aufgabe.
Was heute in unseren Schulen versäumt wird, fehlt uns möglicherweise in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren.
Ein Kind, das heute eingeschult wird, steht in zwei Jahrzehnten vielleicht als Ingenieurin, Wissenschaftler, Handwerker oder Unternehmer im Berufsleben.
Wenn wir heute mathematische und naturwissenschaftliche Grundlagen vernachlässigen, werden wir die Folgen später auch in Forschung, Wirtschaft und technischer Entwicklung spüren.
Wenn wir heute unzureichende Lesekompetenz hinnehmen, erschweren wir den Zugang zu weiterführender Bildung.
Und wenn wir heute bei Schulgebäuden, Ausstattung und frühzeitiger Förderung sparen, verschieben wir einen Teil der Folgen in die Zukunft.
Bildung ist damit auch eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Zukunftsfrage.
Eine neue Straße lässt sich innerhalb einer Legislaturperiode einweihen. Die Wirkung einer guten Grundschulausbildung zeigt sich dagegen über Jahrzehnte.
Vielleicht liegt gerade darin eine der Schwierigkeiten langfristiger Bildungspolitik: Ihre Ergebnisse reichen weit über die Amtszeiten der Verantwortlichen hinaus.
Die Kinder allerdings haben nur diese eine Schulzeit.
9. Die eigentliche Torheit
Es wäre verführerisch, all diesen Problemen eine Vergangenheit gegenüberzustellen, in der angeblich alles besser gewesen ist.
Aber auch frühere Bildungssysteme hatten erhebliche Schwächen. Nicht jedes Kind wurde ausreichend gefördert, und nicht jede Form schulischer Strenge führte zu besseren Ergebnissen.
Die Erinnerung an vergangene Zeiten ersetzt keine Analyse.
Ebenso wenig rechtfertigen die Fehler der Vergangenheit, auf bewährte fachliche Grundlagen und systematische Förderung zu verzichten.
Vielleicht sollten wir uns deshalb wieder stärker mit der eigentlichen Aufgabe der Schule beschäftigen.
Kinder sollen lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollen ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten entwickeln, Zusammenhänge verstehen, Fragen stellen und selbstständig denken können.
Sie brauchen Lehrer, die fachlich und pädagogisch qualifiziert sind. Sie brauchen geeignete Lernmaterialien, sichere Gebäude, ausreichende Bewegung und eine Umgebung, in der gegenseitiger Respekt und gemeinsame Regeln gelten.
Vor allem aber benötigen sie ein Bildungssystem, dessen einzelne Bestandteile sinnvoll aufeinander aufbauen.
Nicht die nächste pädagogische Modeerscheinung, sondern einen konkreten und langfristigen Bildungsplan.
Denn am Ende entscheidet sich die Qualität eines Bildungssystems nicht daran, wie fortschrittlich seine Konzepte klingen oder wie umfangreich seine Reformpapiere ausfallen.
Sie zeigt sich daran, was die Kinder tatsächlich gelernt haben und welche Möglichkeiten ihnen dadurch offenstehen.
Ein Kind wird nicht dadurch größer, dass wir den Maßstab verkürzen. Es wird aber auch nicht dadurch größer, dass wir ihm lediglich eine höhere Messlatte vorhalten.
Wir müssen ihm die Möglichkeit geben, zu wachsen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Alterstorheit unserer Zeit: dass wir über die Zukunft unserer Kinder ununterbrochen reden, während wir ihnen vielerorts nicht einmal die Voraussetzungen schaffen, diese Zukunft selbst gestalten zu können.
Denn was wir heute in der Bildung versäumen, werden wir morgen nicht einfach nachholen können.
Die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen.
Und diese Zukunft beginnt nicht irgendwann.
Sie sitzt bereits in unseren Klassenzimmern.
