
Eine bemerkenswerte Prognose
In einem Interview mit dem britischen Wirtschaftsmagazin The Economist im Juli 2026 machte Elon Musk eine bemerkenswerte Aussage: „Money won’t matter in 2036.“ Geld werde im Jahr 2036 keine wesentliche Rolle mehr spielen.
Im Gespräch mit Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes begründete Musk seine Prognose mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz und Robotik. Maschinen könnten künftig Güter und Dienstleistungen in einem Umfang bereitstellen, der den menschlichen Bedarf weit übersteigt. Wenn Nahrung, Wohnraum, Mobilität und andere Leistungen nahezu unbegrenzt verfügbar wären, wozu bräuchten Menschen dann noch Geld?
Eine gewagte Prognose, zweifellos. Aber eine, die eine Untersuchung verdient, unabhängig davon, wer sie ausgesprochen hat.
Mich interessierte daran weniger, ob Musk mit seiner Jahreszahl recht behalten wird. Viel spannender erschien mir die Frage, was eine solche Entwicklung für unsere Gesellschaft und für jeden Einzelnen bedeuten würde.
Was geschieht, wenn die Existenz gesichert ist?
Wir leben in einer Gesellschaft, die über eine enorme wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verfügt. Dennoch müssen Menschen überlegen, ob sie ihre Wohnung ausreichend beheizen können. Andere verbringen Jahrzehnte im Erwerbsleben und stehen im Alter vor der Frage, wie weit ihre Rente noch reicht. Wer seine Arbeit verliert, verliert häufig mehr als sein Einkommen. Mitunter gerät seine gesamte bisherige Lebensführung ins Wanken.
Was würde aus solchen Verhältnissen, wenn die grundlegende Versorgung eines Menschen nicht mehr an seine Kaufkraft gebunden wäre?
Die Folgen gingen weit über den wirtschaftlichen Bereich hinaus. Wer seine Existenz nicht ständig absichern muss, könnte anders über die eigene Zukunft entscheiden. Menschen könnten Tätigkeiten aufnehmen, deren Ertrag ungewiss ist, sich wissenschaftlichen oder künstlerischen Vorhaben widmen oder mehr Zeit für andere Menschen aufbringen.
Auch persönliche Beziehungen könnten sich verändern, wenn wirtschaftliche Abhängigkeiten an Bedeutung verlieren. Und vielleicht müssten wir neu darüber nachdenken, weshalb wir den gesellschaftlichen Wert eines Menschen so häufig mit seiner beruflichen Stellung und seinem Einkommen verbinden.
Das alles wäre möglich. Zwangsläufig wäre es nicht.
Eine Wirtschaft, die nicht mehr verkaufen muss
Besonders interessant erscheint mir eine Frage, die in den üblichen Debatten über künstliche Intelligenz oft untergeht: Wie würden wir produzieren, wenn der wirtschaftliche Erfolg nicht länger von möglichst vielen Verkäufen abhinge?
Ein Gerät könnte so konstruiert werden, dass es jahrzehntelang funktioniert, leicht repariert und seine Materialien anschließend weitgehend wiederverwendet werden können. Die möglichst lange Nutzungsdauer könnte wichtiger werden als der Verkauf des nächsten Modells. Wirtschaftliche Anreize zur künstlichen Verkürzung von Produktlebenszyklen könnten an Bedeutung verlieren.
Auch unsere Mobilität ließe sich anders organisieren. Warum sollte jeder ein eigenes Auto besitzen müssen, wenn autonome Fahrzeuge jederzeit verfügbar wären und ihre Nutzung keine unmittelbare Bezahlung erforderte? Welche Folgen hätte das für Städte, ländliche Regionen, Verkehrsflächen und den Verbrauch von Ressourcen?
Solche Möglichkeiten verdienen eine ernsthafte Untersuchung. Sie sind allerdings keine Garantie für eine bessere Wirtschaft. Maschinen benötigen Energie, Rohstoffe und Infrastruktur. Auch ohne Geld könnten Ressourcen knapp bleiben, und auch eine automatisierte Gesellschaft müsste entscheiden, wie sie diese verwendet.
Wer entscheidet in einer Welt ohne Geld?
Hier beginnt die politische Frage.
Wenn die Versorgung der Menschen nicht mehr hauptsächlich über Einkommen und Preise geregelt wird, müssen andere Verfahren an ihre Stelle treten. Wer entscheidet dann über die Nutzung von Produktionsanlagen? Wer erhält Zugang zu begrenzten Gütern? Wem gehören die Maschinen, und wer kontrolliert die Systeme, die unsere Versorgung organisieren?
Die Befreiung von wirtschaftlicher Existenzangst könnte individuelle Handlungsmöglichkeiten erweitern. Sie könnte aber auch neue Abhängigkeiten von technischen und gesellschaftlichen Einrichtungen entstehen lassen.
Beide Entwicklungen sind denkbar. Welche tatsächlich eintreten würden, hinge nicht allein von der Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz ab.
Drei Essays über eine mögliche Zukunft
Diesen Fragen widme ich mein neues Buch „2036 – Gesellschaft ohne Geld?“, das voraussichtlich Ende November 2026 erscheinen wird.
Es besteht aus drei miteinander verbundenen Essays:
Der Mensch nach dem Geld untersucht, wie sich eine gesicherte materielle Existenz auf unsere Psyche, unser Verhältnis zur Arbeit, unsere Beziehungen und unsere Vorstellungen von persönlichem Erfolg auswirken könnte.
Die Verwaltung des Überflusses beschäftigt sich mit Eigentum, politischen Entscheidungen, gesellschaftlicher Verantwortung und der Frage, wie individuelle Freiheit in einer weitgehend automatisierten Versorgungsordnung gewährleistet werden könnte.
Die Ökonomie ohne Preis betrachtet die wirtschaftlichen Voraussetzungen einer solchen Entwicklung: Produktion ohne Gewinnmaximierung, langlebige Güter, Ressourceneffizienz, autonome Mobilität und die Grenzen technischer Automatisierung.
Ich habe bewusst darauf verzichtet, eine ideale Zukunft zu entwerfen oder vor einem unausweichlichen Niedergang zu warnen. Mich interessiert, welche Veränderungen tatsächlich möglich wären, unter welchen Voraussetzungen sie eintreten könnten und welche Fragen auch dann ungelöst blieben.
Die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Geld muss man weder begrüßen noch ablehnen, um sie ernsthaft zu untersuchen.
Vielleicht wird Geld im Jahr 2036 noch dieselbe Rolle spielen wie heute. Vielleicht wird es in einigen Lebensbereichen bereits weitgehend bedeutungslos sein.
Aber unabhängig davon lohnt sich eine Frage, die wir erstaunlich selten stellen: Wenn unsere technischen Möglichkeiten eines Tages ausreichen, um die Grundbedürfnisse aller Menschen zuverlässig zu erfüllen – welche Bedeutung hätte dann noch die individuelle Fähigkeit, dafür zu bezahlen?
„2036 – Gesellschaft ohne Geld?“ von Hermann Selchow erscheint voraussichtlich Ende November 2026.
Weitere Informationen zur Veröffentlichung folgen hier auf Alterstorheiten.
Ausgangspunkt des Buches: Elon Musk im Interview mit The Economist, 27. Juli 2026
