
Das Ende westlicher Dominanz – Die Neuordnung der multipolaren Welt
Die Welt befindet sich in einem historischen Umbruch. Die jahrhundertelange Vorherrschaft des Westens bröckelt, während neue Machtzentren aufsteigen und die geopolitische Ordnung grundlegend verändern. China, Russland, die BRICS-Staaten und der Globale Süden fordern die westliche Hegemonie heraus – wirtschaftlich, militärisch und ideologisch. Doch was bedeutet das für die Zukunft der internationalen Beziehungen, für Europa, die USA und die globalen Märkte?
Dieses Buch analysiert die zentralen Triebkräfte und Ursachen des Wandels und beleuchtet die tiefgreifenden Konsequenzen der entstehenden multipolaren Weltordnung. Prägnant, faktenbasiert und fundiert zeigt es auf, warum der Westen an Einfluss verliert, welche Akteure die neue Welt prägen und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.
Es gehört zu den Eigenheiten untergehender Ordnungen, dass sie ihren eigenen Niedergang selten bemerken. Rom wurde nicht an einem Dienstag geschlossen. Die Sowjetunion funktionierte noch, als sie bereits nicht mehr funktionierte. Institutionen haben die erstaunliche Fähigkeit, länger zu bestehen als das Vertrauen, aus dem sie ursprünglich ihre Legitimität bezogen.
Vielleicht ist deshalb das Wort „Zusammenbruch“ für das gegenwärtige Europa falsch. Deutschland existiert. Die Parlamente tagen. Die Banken öffnen morgens ihre Türen. Renten werden überwiesen, Züge fahren – gelegentlich –, Steuerbescheide kommen zuverlässig, Wahlen finden statt.
Und doch ist etwas ins Rutschen geraten.
Nicht überall gleichzeitig, nicht überall gleich stark und keineswegs nur in Deutschland. Aber besonders in den großen westeuropäischen Staaten lässt sich beobachten, wie politische Handlungsfähigkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und finanzielle Belastbarkeit gleichzeitig unter Druck geraten.
Das Gefährliche daran ist weniger die einzelne Krise. Europa hat Krisen überlebt. Das Gefährliche ist ihre Überlagerung.
Der Staat funktioniert – aber seine Reserven verschwinden
Die Europäische Zentralbank erwartet für den Euroraum 2026 noch ein reales Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent. Von einem ökonomischen Zusammenbruch kann also keine Rede sein, auch wenn dieser Zuwachs wohl eher den osteuropäischen Staaten zu verdanken ist. Gleichzeitig liegt die prognostizierte Inflation für 2026 bei 3,0 Prozent. Am 10. September erhöhte die EZB ihre Leitzinsen erneut um 0,25 Prozentpunkte; der Einlagenzins liegt seit dem 16. September bei 2,50 Prozent. Höhere Energiepreise infolge des Nahostkonflikts sind dabei ein wesentlicher Faktor.
Genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Wirtschaftswachstum ist schwach, Energie bleibt teuer, gleichzeitig werden Kredite und Staatsfinanzierung kostspieliger. Hinzu kommen Verteidigung, alternde Gesellschaften, Infrastruktur, Digitalisierung, Energienetze und soziale Sicherungssysteme.
Jede dieser Aufgaben wäre finanzierbar.
Alle gleichzeitig verändern das System.
Die EZB selbst warnt vor erhöhten Risiken für die Finanzstabilität. Hohe Staatsdefizite und Schuldenstände treffen auf wachsende Ausgabenanforderungen; gleichzeitig könnten steigende Finanzierungskosten und geopolitische Verwerfungen die Verwundbarkeit einzelner Staaten verschärfen. Besondere Risiken sieht sie außerdem bei Nichtbanken und privaten Kreditmärkten – also genau jenem Finanzsektor, der außerhalb des klassischen Bankensystems immer wichtiger geworden ist.
Das ist noch kein Einsturz.
Es ist der Verlust von Sicherheitsabständen.
Früher konnte ein Staat auf eine Krise reagieren. Heute trifft die nächste Krise häufig ein, bevor die Rechnung der vorherigen bezahlt wurde.
Deutschland: Das alte Geschäftsmodell hat an Wert verloren
Deutschland trifft diese Veränderung besonders stark, weil die Bundesrepublik jahrzehntelang von einer außergewöhnlich günstigen Konstellation profitierte: relativ preiswerte Energie, ein großer industrieller Kern, offene Weltmärkte, starke Nachfrage aus China, amerikanisch garantierte Sicherheit und ein wachsender europäischer Binnenmarkt.
Dieses Modell war erfolgreich.
Vielleicht zu erfolgreich, denn erfolgreiche Modelle besitzen die unangenehme Eigenschaft, irgendwann für Naturgesetze gehalten zu werden.
Der Internationale Währungsfonds nennt inzwischen mehrere strukturelle Probleme gleichzeitig: schwaches Produktivitätswachstum, demografische Alterung, Investitionsdefizite, hohe Energiekosten, massive Bürokratie und zunehmenden Wettbewerb auf Deutschlands traditionellen Exportmärkten. Der IWF erwartet außerdem, dass die deutsche Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in den kommenden Jahren stärker schrumpft als in jedem anderen G7-Staat.
Das sind keine vorübergehenden Konjunkturprobleme.
Eine alternde Bevölkerung wird nicht durch eine Zinssenkung jünger. Eine Brücke wird nicht dadurch saniert, dass man ihre Reparatur erneut in einen Haushalt schreibt. Fehlende Produktivität lässt sich nicht subventionieren, und internationale Wettbewerber verschwinden nicht, weil deutsche Politiker sie für unfair halten.
Interessant ist deshalb ein Blick auf die jüngsten Industriezahlen.
Die deutschen Auftragseingänge stiegen im Juli 2026 zwar um 2,5 Prozent. Doch dieser Wert wurde fast vollständig durch außergewöhnlich große Aufträge im Schiff-, Bahn-, Flugzeug- und Militärfahrzeugbau getragen. Ohne Großaufträge sanken die Bestellungen um 1,4 Prozent. In der Automobilindustrie gingen sie sogar um 12,5 Prozent zurück. Gleichzeitig lag die gesamte Industrieproduktion im Juli 1,6 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Das ist ein bemerkenswertes Bild.
Der Staat bestellt zunehmend Infrastruktur und Verteidigungsgüter, während Teile der klassischen privatwirtschaftlichen Industrie weiterhin Schwierigkeiten haben.
Man könnte darin einen Übergang erkennen: weg vom exportgetriebenen Industriemodell, hin zu einer stärker staatlich finanzierten Wirtschaft.
Ob daraus neue Produktivität entsteht oder lediglich eine teurere Form der Stagnation, wird eine der entscheidenden Fragen der kommenden Jahre sein.
Wenn Politik sich nur noch um sich selbst kreist
Ökonomische Probleme bleiben selten ökonomisch.
Menschen wählen keine volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Sie wählen aufgrund dessen, was sie erleben: Mieten, Benzinpreise, Arbeitsplatzsicherheit, Steuern, öffentliche Infrastruktur, Schulen, Behörden, medizinische Versorgung.
Wenn zwischen offiziellen Erfolgsmeldungen und persönlicher Erfahrung eine immer größere Entfernung entsteht, wird daraus politische Energie.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 liefert dafür ein drastisches Beispiel. Die AfD erreichte dort nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis 43,8 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 17,2 Prozent, SPD 9,3 Prozent, Grüne 8,9 Prozent, Linke 8,6 Prozent und BSW 5,3 Prozent. Gegenüber 2021 gewann die AfD 23 Prozentpunkte hinzu.
Man muss diese Entwicklung nicht bewerten, um ihre Bedeutung zu erkennen.
Große Teile der Wählerschaft lösen sich von politischen Bindungen, die jahrzehntelang selbstverständlich erschienen.
Gleichzeitig wäre es falsch, daraus einen allgemeinen Zusammenbruch der europäischen Demokratie abzuleiten. Im Eurobarometer vom Frühjahr 2026 sagten 51 Prozent der Befragten, sie vertrauten der Europäischen Union, 57 Prozent zeigten sich mit dem Funktionieren der Demokratie in der EU zufrieden und 72 Prozent waren der Ansicht, ihr Land habe von der EU-Mitgliedschaft profitiert.
Auch das gehört zur Wirklichkeit.
Europa zerfällt nicht einfach in Befürworter und Gegner. Es erlebt vielmehr eine zunehmende Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Wahrnehmungen.
Menschen können Europa für notwendig halten und seine Politik ablehnen. Sie können demokratische Institutionen bejahen und deren Personal misstrauen. Sie können soziale Sicherheit wollen und gleichzeitig dem Staat nicht mehr zutrauen, sie dauerhaft zu finanzieren.
Genau darin besteht die politische Erosion.
Die Verwahrlosung der politischen Kultur in Deutschland
„Verwahrlosung“ ist ein hartes Wort. Man sollte es nicht daran messen, ob Politiker einem gefallen.
Politische Verwahrlosung beginnt dort, wo Maßstäbe verschwinden.
Wo Verantwortung immer häufiger durch Kommunikation ersetzt wird.
Ein Minister hat dann keinen Fehler gemacht – er hat ihn lediglich schlecht erklärt. Ein politisches Projekt ist nicht gescheitert – die Bevölkerung hat seinen Nutzen noch nicht verstanden. Ein Wahlversprechen wurde nicht gebrochen – die Rahmenbedingungen haben sich geändert.
So entsteht eine politische Sprache, in der niemand mehr verliert, niemand scheitert und folglich auch niemand verantwortlich ist.
Hinzu kommt eine zunehmende Verrechtlichung politischer Moral.
Die entscheidende Frage lautet immer häufiger nicht mehr:
War dieses Verhalten einem öffentlichen Amt angemessen?
Sondern:
War es verboten?
Zwischen diesen beiden Fragen liegt eine ganze politische Kultur.
Eine Demokratie kann nicht ausschließlich von Strafgesetzen leben. Sie benötigt ungeschriebene Regeln: Zurückhaltung, Verantwortung, Anstand, Interessenkonflikte vermeiden, Fehler eingestehen, persönliche Konsequenzen ziehen.
Wo das alles nur noch verlangt wird, wenn ein Staatsanwalt erscheint, ist politisch bereits etwas verloren gegangen.
Auch die immer stärkere Professionalisierung des politischen Betriebes besitzt eine Kehrseite. Im gegenwärtigen Bundestag stammen 459 der 630 Abgeordneten aus dem großen Berufsfeld Unternehmensorganisation, Recht und Verwaltung. Produktions- und Fertigungsberufe sind dagegen mit lediglich 20 Abgeordneten vertreten.
Das bedeutet nicht, Juristen, Verwaltungsfachleute oder Berufspolitiker seien schlechtere Politiker.
Es bedeutet aber, dass sich Politik zunehmend aus einem relativ engen gesellschaftlichen Erfahrungsraum rekrutiert.
Menschen, die Gesetze formulieren und verwalten, sind stark vertreten. Menschen, die unmittelbar unter diesen Gesetzen produzieren, bauen, reparieren oder wirtschaften müssen, erheblich weniger.
Daraus kann eine eigentümliche Entfernung entstehen.
Die politische Klasse diskutiert über Regeln.
Der Bürger erlebt deren Folgen.
Und zwischen beidem wächst jener Raum, in dem Vertrauen verloren geht.
Bemerkenswert ist auch die Diskussion um Lobbytransparenz. Selbst im Bundestags-Lobbyregister findet sich inzwischen die Forderung, den sogenannten „exekutiven Fußabdruck“ – also die Nachvollziehbarkeit externer Einflussnahme auf Gesetzentwürfe – verbindlicher zu gestalten. LobbyControl kritisiert, dass die bisherige Praxis das angestrebte Transparenzziel nicht ausreichend erreiche. Das ist eine Interessenposition dieser Organisation, keine amtliche Feststellung – aber allein die anhaltende Debatte zeigt, dass das Verhältnis zwischen Regierung, Gesetzgebung und Interessenvertretern keineswegs abschließend geklärt ist.
Vielleicht besteht politische Verwahrlosung deshalb weniger im großen Skandal.
Sie zeigt sich im Kleinen.
In der Selbstverständlichkeit.
Im fehlenden Rücktritt.
Im reflexhaften Verweis auf die Fehler der anderen.
Im Verlust der Fähigkeit zu sagen:
Ich habe mich geirrt.
Und nun BlackRock?
An diesem Punkt erscheint in fast jeder Diskussion irgendwann der Name BlackRock.
Das ist verständlich. BlackRock ist eine wirtschaftliche und dadurch auch politische Weltmacht. Kein Geringerer als Bundeskanzler Merz hatte in diesem Imperium eine führende Position inne. Kann man aus solchen Imperien einfach kündigen? Ich bin mir da nicht sicher. Die Politik des Herrn Merz lässt Raum für Spekulationen, gewinnt man doch den Eindruck die Ukraine sei ihm näher, als sein eigenes Land.
BlackRock verwaltete Ende Juni 2026 Vermögen im Umfang von rund 15,3 Billionen Dollar. Das Unternehmen beschäftigt etwa 26.200 Menschen und verwaltet Anlagen für institutionelle und private Kunden in mehr als 100 Ländern. Allein innerhalb eines Jahres stieg das verwaltete Vermögen um rund 2,8 Billionen Dollar.
15,3 Billionen Dollar. Eine Zahl, die fast zwangsläufig nach Macht klingt.
Dabei muss zunächst eine wichtige Unterscheidung getroffen werden: Dieses Geld gehört nicht BlackRock. Es gehört unter anderem Pensionsfonds, Versicherungen, Unternehmen, Staaten und Millionen privater Anleger. BlackRock verwaltet es.
Diese Unterscheidung macht das Unternehmen allerdings nicht bedeutungslos.
Wer Billionen verwaltet, besitzt Informationsvorteile, Marktzugang und institutionellen Einfluss. BlackRock stimmt für viele Kunden auf Hauptversammlungen ab und führt Gespräche mit Unternehmensleitungen. Nach eigenen Angaben führte die Investment-Stewardship-Abteilung innerhalb von zwölf Monaten rund 2.600 Gespräche mit etwa 2.000 Unternehmen und stimmte auf rund 16.600 Hauptversammlungen über etwa 154.000 Anträge ab.
Das ist Einfluss. Aber Einfluss ist nicht dasselbe wie Kontrolle.
Ein Teil der Kunden kann seine Stimmrechte inzwischen selbst oder nach gewählten Abstimmungsrichtlinien ausüben. Mitte 2026 nahmen Kunden mit rund 923 Milliarden Dollar Indexvermögen diese Möglichkeit wahr.
Für die populäre Vorstellung, BlackRock steuere im Hintergrund Regierungen, Energiepolitik oder die Deindustrialisierung Europas, gibt es keine belastbaren Belege.
Eine solche Erklärung ist sogar zu bequem.
Denn sie verwandelt jahrzehntelange politische Entscheidungen in eine Verschwörung, für die niemand mehr demokratische Verantwortung übernehmen muss.
Die entscheidendere Frage lautet nicht: Hat BlackRock diese Entwicklung verursacht?
Sondern:
Profitiert ein Unternehmen wie BlackRock von ihr?
Und darauf lautet die sachliche Antwort: in bestimmten Bereichen durchaus.
Wer vom Umbau profitiert
Krisen verteilen Eigentum neu.
Wenn Unternehmen unter Finanzierungsdruck geraten, Immobilienpreise fallen, Staaten neue Infrastruktur benötigen, Banken Kredite zurückfahren oder gigantische Investitionen in Energie, Digitalisierung und Verteidigung notwendig werden, braucht es Kapital.
Je knapper Kapital wird, desto mächtiger werden diejenigen, die es bereitstellen können.
BlackRock ist inzwischen längst nicht mehr nur ETF-Anbieter. Das Unternehmen hat sein Geschäft mit Infrastruktur und privaten Kreditmärkten erheblich ausgebaut. Sein im SEC-Bericht ausgewiesenes Private-Markets-Vermögen lag Mitte 2026 bei mehr als 320 Milliarden Dollar.
Hier liegt die interessantere Entwicklung.
Nicht BlackRock zerstört den Staat.
Aber je weniger der Staat selbst finanzieren kann, desto mehr Raum entsteht für private Kapitalgeber.
Ein marodes Stromnetz benötigt Investitionen. Eine überschuldete Kommune benötigt Investitionen. Wohnraum benötigt Investitionen. Rechenzentren benötigen Energie und Grundstücke. Rüstungsunternehmen benötigen Produktionskapazitäten. Unternehmen benötigen Kredite.
Wer besitzt das Kapital?
Nicht zwangsläufig der Bürger.
Immer häufiger Fonds, Versicherungen, Pensionskassen, Staatsfonds und große Vermögensverwalter.
Damit verändert sich Macht, ohne dass eine einzige demokratische Institution abgeschafft werden muss.
Korruption und die Erosion europäischer Glaubwürdigkeit
Europa besitzt nicht nur ein Wirtschaftsproblem. Es besitzt auch ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Korruption ist dabei nicht einfach gleichbedeutend mit dem berühmten Umschlag unter dem Tisch. In modernen politischen Systemen bewegt sich Einfluss in einem breiteren Graubereich: Lobbyismus, persönliche Netzwerke, Beraterverträge, Drehtüren zwischen Politik und Wirtschaft, Förderentscheidungen, privilegierter Zugang zu Entscheidungsträgern und eine Transparenz, die häufig erst dann hergestellt wird, wenn Gerichte, Journalisten oder Ermittler sie erzwingen.
Dass dieses Problem keineswegs nur eine populistische Erzählung ist, zeigen die europäischen Institutionen selbst. Nach einer Eurobarometer-Befragung von Unternehmen hielten 2025 immerhin 63 Prozent der Unternehmen in der EU Korruption in ihrem jeweiligen Land für weit verbreitet. 64 Prozent waren der Meinung, die Finanzierung politischer Parteien werde nicht ausreichend transparent überwacht.
Noch bemerkenswerter sind die Zahlen der Europäischen Staatsanwaltschaft. Ende 2025 liefen dort 3.602 Ermittlungen wegen mutmaßlicher Straftaten zum Schaden der EU- und nationalen Haushalte. Der geschätzte finanzielle Schaden betrug 67,27 Milliarden Euro. Der größte Teil entfiel auf Mehrwertsteuer- und Zollbetrug; diese Summe darf also keinesfalls mit politischer Korruption gleichgesetzt werden. Dennoch zeigen die Zahlen, welche Dimension wirtschaftskriminelle Strukturen inzwischen innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes erreichen.
Problematisch wird es dort, wo sich ökonomische und politische Macht begegnen.
Denn je größer die Summen werden, über deren Verwendung politische Institutionen entscheiden – Energie, Verteidigung, Infrastruktur, Klimaprogramme, Landwirtschaft, Wiederaufbau, Digitalisierung –, desto größer wird zwangsläufig der ökonomische Wert politischen Einflusses.
Es wäre zu einfach zu behaupten, die Europäische Union sei „korrupt“. Dafür gibt es keinen Beleg.
Aber ebenso naiv wäre die Vorstellung, ein politisches System, das jährlich über hunderte Milliarden Euro entscheidet, könne gegenüber Lobbyismus, Interessenkonflikten und Korruption immun bleiben.
Vielleicht ist deshalb nicht einmal der nachgewiesene Korruptionsfall das größte Problem.
Gefährlicher ist die Gewöhnung an die Grauzone.
Wenn Bürger irgendwann den Eindruck gewinnen, dass politische Entscheidungen zwar formal demokratisch getroffen werden, der tatsächliche Zugang zu den Entscheidern aber davon abhängt, wer genügend Geld, Personal und Verbindungen besitzt, verliert Demokratie etwas Entscheidendes: die Überzeugung, dass dieselben Regeln für alle gelten.
Korruption beschädigt Staaten deshalb nicht nur finanziell.
Sie beschädigt ihre moralische Autorität.
Die eigentliche Verantwortungsfrage
Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler unserer Zeit.
Wir suchen Täter, obwohl wir Systeme betrachten müssten.
BlackRock ist kein geheimer europäischer Finanzminister.
Auch Vanguard, State Street, Goldman Sachs oder JPMorgan erklären nicht allein, warum Deutschland zu wenig in Infrastruktur investiert hat, warum Genehmigungsverfahren langsam sind, warum die Bevölkerung altert oder warum die deutsche Industrie so stark von günstiger Energie und offenen Exportmärkten abhängig wurde.
Das sind politische, wirtschaftliche und demografische Entscheidungen und Entwicklungen verschiedener Jahrzehnte.
Der IWF weist ausdrücklich darauf hin, dass Deutschland Investitionen in Verkehr, Digitalisierung und Energie lange vernachlässigt hat und dass selbst bereitgestellte öffentliche Investitionsmittel häufig nicht vollständig umgesetzt wurden.
Verantwortung lässt sich deshalb nicht elegant an einen Konzern delegieren.
Regierungen tragen Verantwortung für die politischen Rahmenbedingungen, die sie schaffen.
Parlamente für die Gesetze, denen sie zustimmen.
Unternehmen für ihre Investitionsentscheidungen.
Zentralbanken für ihre Geldpolitik innerhalb ihres Mandats.
Wähler schließlich entscheiden darüber, wem sie politische Macht übertragen.
Und Kapitalgesellschaften tun das, wozu Kapitalgesellschaften geschaffen wurden: Sie suchen Rendite innerhalb der geltenden Regeln.
Die interessantere Frage lautet deshalb, wer diese Regeln schreibt.
Bildungsferne, politische Kommunikation und die Herrschaft der Vereinfachung
Der dritte Punkt ist schwieriger, weil er leicht in gesellschaftliche Verachtung kippt.
Menschen mit geringer formaler Bildung besitzen selbstverständlich dasselbe politische Recht wie Professoren, Unternehmer oder Ministerialbeamte. Demokratie setzt keinen Hochschulabschluss voraus.
Darum geht es nicht.
Es geht um etwas anderes: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn komplizierte Sachverhalte immer stärker an Kommunikationsformen angepasst werden müssen, die Komplexität kaum noch zulassen?
Deutschland besitzt dabei durchaus ein Bildungsproblem. Nach der jüngsten OECD-Erhebung erreichen rund 22 Prozent der Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren bei der Lesekompetenz lediglich Kompetenzstufe 1 oder darunter. Gleichzeitig liegen die deutschen Durchschnittswerte bei Lesen, Mathematik und adaptivem Problemlösen weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Auch hier ist die Wirklichkeit also widersprüchlicher als ein einfaches Niedergangsnarrativ.
Interessanter als die formale Bildung der Bevölkerung ist deshalb ihre Wirkung auf politische Kommunikation.
Denn demokratische Politik möchte Mehrheiten gewinnen.
Und Mehrheiten gewinnt man zunehmend in einem medialen Raum, der komplexe Argumente strukturell benachteiligt.
Eine Rentenreform braucht vielleicht dreißig Seiten Erklärung.
Ein empörender Satz braucht sieben Sekunden.
Eine Energiepolitik besteht aus Netzen, Grundlast, Grenzkosten, Speichern, Importen und Regulierung.
Ein Video benötigt lediglich einen Schuldigen.
Damit verändert sich Politik.
Sie muss immer weniger nur richtige Entscheidungen treffen.
Sie muss Entscheidungen so erklären, dass sie innerhalb kürzester Aufmerksamkeitsspannen funktionieren.
Das Ergebnis ist eine paradoxe Entwicklung: Die gesellschaftlichen Probleme werden komplizierter, während ihre politische Darstellung immer einfacher werden muss.
Vielleicht liegt hier der eigentliche wachsende Einfluss bildungsferner Milieus.
Nicht darin, dass plötzlich Menschen ohne Ausbildung das Parlament übernommen hätten. Das lässt sich empirisch nicht behaupten. Der Bundestag ist vielmehr stark von akademischen und administrativen Berufsbiografien geprägt.
Der Einfluss besteht darin, dass sich Politik kommunikativ zunehmend nach jenen richtet, die mit komplizierten Erklärungen nicht mehr erreichbar erscheinen.
Dann werden aus Zusammenhängen Schlagworte.
Aus Zielkonflikten moralische Fragen.
Aus Gegnern Feinde.
Aus wirtschaftlichen Problemen Haltungsfragen.
Und aus Politik schließlich eine Konkurrenz möglichst einfacher Weltbilder.
Das betrifft keineswegs nur eine Partei oder ein politisches Lager.
Bildungsferne ist politisch neutral.
Unwissen kann rechts sein.
Unwissen kann links sein.
Es kann konservativ, grün, liberal oder sozialdemokratisch auftreten.
Gefährlich wird es erst dann, wenn Wissen selbst seinen gesellschaftlichen Wert verliert und die überzeugende Behauptung wichtiger wird als die nachprüfbare Tatsache.
Eine Demokratie kann sehr unterschiedliche Bildungsstände verkraften.
Was sie auf Dauer schwer verkraftet, ist eine Kultur, in der niemand mehr wissen muss, wovon er spricht, solange er laut genug darüber spricht.
Vielleicht erleben wir keinen Untergang
Europa könnte aus dieser Krise durchaus gestärkt hervorgehen. Infrastrukturinvestitionen können Produktivität erhöhen. Digitalisierung kann Bürokratie reduzieren. Eine gemeinsame Energiepolitik könnte Kosten senken. Der europäische Binnenmarkt besitzt weiterhin enorme wirtschaftliche Stärke. Selbst die EZB sieht die Wirtschaft des Euroraums derzeit robuster als zunächst erwartet.
Aber es existiert noch eine andere Möglichkeit.
Dass Europa seine Probleme überwiegend mit Schulden, Subventionen und immer komplexeren Regeln überdeckt, während wirtschaftliche Substanz und politische Zustimmung langsam weiter erodieren.
Dann würde Europa vermutlich auch nicht spektakulär zusammenbrechen.
Es würde einfach Jahr für Jahr weniger selbst entscheiden können.
Über Energie.
Über Industrie.
Über Verteidigung.
Über Infrastruktur.
Über seine Schulden.
Und irgendwann vielleicht über seine Politik.
Der große Gewinner einer solchen Entwicklung wäre nicht BlackRock allein.
Der Gewinner wäre Kapital gegenüber Politik.
Nicht weil ein Vorstand in New York beschlossen hätte, Europa zu übernehmen, sondern weil jedes System, das seine wirtschaftliche Eigenständigkeit verliert, diejenigen mächtiger macht, die über das verfügen, was ihm fehlt.
Kapital.
Vielleicht besteht darin die eigentliche Verschiebung unserer Zeit.
Der Staat verschwindet nicht.
Er bleibt verantwortlich für Schulen, Renten, Straßen, Sicherheit, Sozialleistungen und politische Stabilität.
Nur das Geld, das er dafür benötigt, gehört ihm immer weniger.
Und wer verstehen will, was gegenwärtig in Europa geschieht, sollte deshalb nicht nur beobachten, welche Regierungen fallen, welche Parteien gewinnen oder welche Unternehmen schließen.
Er sollte beobachten, wem nach jeder Krise ein größerer Teil dessen gehört, was vorher anderen gehörte.
Denn politische Macht steht in Verfassungen.
Ökonomische Macht steht in Bilanzen.