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Beiträge

Dieser Weblog ist aus Zeitgründen entstanden. Ich habe zu viel Zeit, die ich aber nicht mit dem Fernsehprogramm oder anderen Schadmedien totschlagen möchte. Ich habe nicht mehr genug Zeit, um sie mit all dem neuen unsinnigen Blabla und Gaga auffüllen zu wollen. Überwunden geglaubte Zeit wird wieder zu neuem Leben erweckt. Die Diktatur der „Wohlmeinenden“ bestimmt die Themen, das Denken, Sprechen, Schreiben und zunehmend auch das Handeln.

Wie Sprache für uns denkt

Klemperer, Orwell und der gegenwärtige Diskurs Zwei Bücher, fast gleichzeitig erschienen, kurz nach 1945, in zwei verschiedenen Sprachen. Viktor Klemperers LTI – Notizbuch eines Philologen von 1947, ein Tagebuchprojekt aus zwölf Dunkeljahren. George Orwells Politics and the English Language von 1946, ein Essay von wenigen Seiten, der jahrzehntelang in britischen Schulbüchern stand. Beide Texte teilen einen Verdacht. Dass die Krise eines Gemeinwesens an seiner Sprache zuerst sichtbar wird. Und dass, wer Sprache laufen lässt, irgendwann Dinge denkt, die er gar nicht denken wollte. Klemperers berühmtes Bild: Worte wirkten wie winzige Arsendosen – einzeln unscheinbar, in der Wiederholung wirksam. Die Pointe liegt nicht im einzelnen Wort. Sie liegt in der Frequenz. In der Selbstverständlichkeit, mit der man eines Tages Vokabeln im Mund hat, deren Herkunft man nicht mehr prüft, weil ihre Allgegenwart die Frage überflüssig gemacht hat. Sprache, schreibt er, denkt und dichtet für uns, wenn wir sie nicht denken lassen. Orwell formuliert dieselbe Beobachtung trockener. Sprache und Denken stehen in einer Rückkopplungsschleife: das Denken werde schlampig, weil die Sprache schlampig sei, und umgekehrt. Daraus folgt für ihn ein Verfahren. Er listet die Krankheitsbilder auf: erstarrte Metaphern, umständliche Verbkonstruktionen, anmaßende Diktion, sinnentleerte Wörter. Und er endet mit sechs Regeln, von denen alle auf dasselbe hinauslaufen: lieber das eigene Wort suchen als das vorgefundene übernehmen. Beide Autoren reden über sehr verschiedene Verhältnisse. Klemperer beobachtet eine Diktatur, in der Sprache zur Waffe geschmiedet wurde. Orwell beobachtet sein eigenes Land, eine parlamentarische Demokratie, in der Sprache verfault, weil sich niemand mehr die Mühe gibt, sie zu pflegen. Die Diagnose… Weiterlesen »Wie Sprache für uns denkt

Die Diagnose der Anderen – „Gekränkte Freiheit“

Anmerkungen zu Carolin Amlinger und Oliver Nachtweys „Gekränkte Freiheit“ und das Verschwinden des kritischen Spiegels Es gibt Bücher, die in ihrem Erscheinungsmilieu wie ein gut gestelltes Echo klingen — jeder Satz findet seinen Widerhall, und der Widerhall nennt sich Bestätigung. Carolin Amlinger und Oliver Nachtweys „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ (Suhrkamp 2022) ist ein solches Buch. Die Studie war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, wurde von der Süddeutschen Zeitung zum „Pageturner“ erhoben, vom Standard zum „Neoklassiker der Sozialwissenschaften“ geadelt, von der Frankfurter Rundschau zur „gründlichsten und triftigsten Analyse der Querdenkerszene“ erklärt. Das ist viel Lob. Wer sich nicht beirren lässt, prüft, was darunter liegt. Die ehrliche Hälfte Beginnen wir fair. Das Buch hat reale Stärken. Vier Jahre Feldarbeit, 1200 Befragte aus der sogenannten Querdenkerszene, 45 Tiefeninterviews — für eine zeitdiagnostische Studie ist das ein ungewöhnlich solides empirisches Fundament. Auch der Kernbegriff „libertärer Autoritarismus“ ist nicht trivial. Er löst ein klassisches Problem der Frankfurter Schule: Adornos autoritärer Charakter brauchte den starken Staat, die Unterwerfung unter Autorität. Amlinger und Nachtwey zeigen, dass autoritäre Strukturen auch dort wirksam sein können, wo das Selbstbild radikal individualistisch ist — im Ruf nach grenzenloser eigener Souveränität, in der reflexhaften Abwehr jeder Bindung. Die Beobachtung, wie Menschen aus alternativen, oft links geprägten Milieus in rechte Positionen wandern, ist belegt und wichtig. Es gibt diese Figur. Sie ist nicht erfunden, und sie ist nicht harmlos. Bis hierher: solide Sozialwissenschaft. Wo das Ganze kippt Das Problem beginnt eine Schicht tiefer, dort, wo Begriffe nicht nur beschreiben, sondern bewerten — und wo… Weiterlesen »Die Diagnose der Anderen – „Gekränkte Freiheit“

Erste Reaktionen zu „KI unter Kunstverdacht“.

Laut unseren Recherchen liegt der Fall anders: Was die Substack-Journalistin Audrey Henson („The Drey Dossier“) in zwei Beiträgen vom März und April 2026 zusammengetragen hat, durch „The Walrus“ und „Futurism“ in Teilen bestätigt und durch den öffentlichen Blogpost des beteiligten Verlagsberaters Thad McIlroy selbst gedeckt, zeigt: Der erste Score (Spero, 23. Januar, auf X) wurde an einer Datei erzeugt, in der OceanofPDF-URLs eingebettet waren. Dass der Tweet 2.125 Aufrufe und 17 Likes erreichte, dann verpuffte. Dass Anfang Februar die Pangram-Verkäuferin Asia Laird ihren Geschäftspartner McIlroy auf den Fall aufmerksam machte. Dass McIlroy seinen Bekannten in Österreich um eine „DRM-freie“ Kopie bat — ein Begriff, der bei einem kommerziell publizierten E-Book in der Praxis im Grunde nur durch piratische Quellen einlösbar ist. Dass die erste Datei sich nicht öffnen ließ, weil sie laut McIlroy „seltsam verschlüsselt“ sei — wahrscheinlich also legitim. Dass die zweite Datei funktionierte, McIlroy aber auf direkte Nachfrage von Drey Dossier nicht angeben konnte, aus welchem Retailer sie stammte. Dass er nie verifiziert hat, ob die getestete Datei das selbstpublizierte Original oder eine kopierte Version war. Pangrams Score auf dieser zweiten, nicht verifizierten Datei: 78,4 Prozent. Beide Scores stammen damit aus Quellen, von denen die eine dokumentiert piratisch ist und die andere durch ihren Tester nie geprüft wurde. Das ist nicht das Bild, das Lytel weitergegeben hat. Es ist das Bild, das die spätere Recherche gezeichnet hat. Lytels Darstellung folgte dem öffentlich Sichtbaren. Das öffentlich Sichtbare reichte nicht. Das systematische Argument meines Buchs, Detektoren erkennen Kunst nicht; Orwell zu 87,2 Prozent, Stoker zu… Weiterlesen »Erste Reaktionen zu „KI unter Kunstverdacht“.