
Mein neues Buch: „Die Einordnung“
Es gibt Romane, die mit einem Mord beginnen, mit einer Reise, mit einer großen Liebe oder einem Geheimnis aus der Vergangenheit. Die Einordnung beginnt leiser. In einem hellen Saal. Auf einer Veranstaltung. Auf einer Leinwand steht: Demokratie schützen. Es gibt ein Podium, Wassergläser, Namensschilder, eine Moderatorin, ein Publikum, das nicht gekommen ist, um zu streiten. Alles ist geordnet. Alles ist vorbereitet. Alles hat den Ton eines Abends, an dem niemand schreien wird.
Und doch genügt eine Frage, um diese Ordnung zu verschieben.
Ab 20.06.2026 in den üblichen Buchshops erhältlich
Laura arbeitet in einer Stiftung, die sich mit Demokratie, politischer Bildung und gesellschaftlichem Zusammenhalt beschäftigt. Sie kennt die Sprache solcher Veranstaltungen. Sie weiß, welche Begriffe funktionieren, welche Sätze riskant sind und wann man einen Raum „halten“ muss. Ihr Vater Paul sitzt im Publikum. Er ist kein Lautsprecher, kein Provokateur, kein Mann der Parolen. Er stellt eine ruhige Frage. Er fragt, ob Demokratie nicht auch davon lebt, ihren eigenen Verteidigern zu misstrauen. Wer kontrolliert jene, die im Namen der Demokratie schützen, einordnen und Grenzen ziehen?
Das ist der Ausgangspunkt des Romans. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Denn diese Frage bleibt nicht im Saal. Sie wandert weiter. In Lauras Kollegenkreis, in die Protokolle, in einen Mitschnitt, der veröffentlicht oder gekürzt werden könnte. Vor allem aber wandert sie zwischen Vater und Tochter. Was für Paul notwendiges demokratisches Misstrauen ist, klingt für Laura gefährlich nah an Sätzen, die sie täglich bekämpft. Was für Laura Verantwortung bedeutet, wirkt für Paul wie die stille Verwaltung des Sagbaren.
Die Einordnung erzählt nicht von „den Guten“ und „den Bösen“. Gerade das interessiert mich an diesem Buch. Der Roman verweigert die bequeme Sortierung. Paul hat nicht einfach recht, weil er fragt. Laura liegt nicht einfach falsch, weil sie vorsichtig ist. Beide sehen etwas. Beide übersehen etwas. Beide verletzen einander an der Stelle, an der sie am sichersten zu sein glauben.
Im Zentrum steht deshalb nicht nur die politische Gegenwart, sondern die Sprache, in der diese Gegenwart verhandelt wird. Wörter wie Verantwortung, Kontext, Schutz, Misstrauen, Anschlussfähigkeit oder Einordnung sind im Roman keine bloßen Begriffe. Sie sind Bewegungen. Sie schaffen Nähe oder Abstand. Sie öffnen einen Raum oder schließen ihn, oft ohne dass jemand es böse meint. Genau darin liegt die eigentliche Schärfe des Buches: Es zeigt, wie politische Sprache bis in Familien hineinreicht und dort etwas verändert, das früher vielleicht selbstverständlich war — das Recht, einander nicht sofort zu sortieren.
Der Roman ist dabei kein Thesenbuch. Er will nicht erklären, wie Demokratie heute zu verstehen sei. Er zeigt vielmehr, was geschieht, wenn zwei Menschen, die einander lieben, plötzlich nicht mehr sicher sind, aus welcher Richtung der andere spricht. Eine Tochter beginnt, ihren Vater durch die Ohren ihres beruflichen Umfelds zu hören. Ein Vater beginnt, die Tochter durch seine Angst vor sprachlicher Anpassung zu sehen. Aus Nähe wird Prüfung. Aus Sorge wird Verdacht. Aus einer Frage wird ein Risiko.
Das Buch ist konzentriert erzählt: ein Saal, eine Küche, ein Pflegeheim, ein Büro. Wenige Tage, wenige Menschen, keine große äußere Handlung. Aber gerade diese Beschränkung macht den Roman weit. Denn in diesen kleinen Räumen zeigt sich etwas, das viele kennen dürften: die Unsicherheit, ob man noch miteinander spricht oder einander bereits einordnet.
Die Einordnung ist ein Roman für Leserinnen und Leser, die sich für Gegenwartsliteratur interessieren, für politische Sprache, für Familienkonflikte, für Demokratie und für die Frage, wie viel Misstrauen eine offene Gesellschaft braucht — und wann dieses Misstrauen selbst beginnt, Menschen zu beschädigen.
Am Ende steht keine einfache Versöhnung. Auch keine fertige Antwort. Es bleibt eine Frage im Raum. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Ort, an dem eine Frage stehen kann, bevor jemand entscheidet, ob sie erlaubt ist.
Ein Auszug:
Die Moderatorin öffnete die Publikumsrunde. Zuerst meldete sich eine Lehrerin, die von Unsicherheit im Klassenzimmer berichtete. Dann ein Student, der fragte, wie man junge Menschen erreiche, die Nachrichten nur noch über kurze Videos wahrnähmen. Ein älterer Mann sprach von Einsamkeit und davon, dass man abgehängte Menschen zurückholen müsse. Das Wort abgehängt fiel mehrmals, und jedes Mal klang es freundlich und etwas hochmütig, als stünden die Abgehängten irgendwo unten an einem Bahnsteig, während der Zug der Richtigen leider schon angefahren war.
Laura machte sich eine Notiz, ohne zu wissen wozu. Danach sah sie auf und bemerkte, dass ihr Vater die Hand gehoben hatte.
Es war eine kleine Bewegung. Keine Forderung, kein Winken. Nur die rechte Hand, halbhoch, ruhig. Laura spürte zuerst keinen Schreck, eher einen Druck im Magen, als habe jemand von innen eine Tür geschlossen. Die Moderatorin sah ihn, nickte ihm zu, und ein Helfer brachte das Mikrofon in die fünfte Reihe. Ihr Vater nahm es, bedankte sich und stand nicht auf. Das war typisch. Er wollte nicht mehr Raum beanspruchen als nötig.
„Mein Name ist Paul Kramer“, sagte er. „Ich habe eine Frage, vielleicht auch eine Verständnisfrage.“
Laura hasste in diesem Moment das Wort Verständnisfrage. Es war eines dieser Wörter, mit denen Menschen ankündigten, dass gleich keine Verständnisfrage kommen würde.
Ihr Vater sprach ruhig weiter. „Sie haben viel davon gesprochen, dass Demokratie geschützt werden muss. Das leuchtet mir ein. Mir fehlt nur ein Punkt. Demokratie lebt doch nicht allein davon, dass man ihre Feinde erkennt. Sie lebt auch davon, dass man ihren Verteidigern misstraut. Nicht, weil sie schlechte Absichten haben müssen, sondern weil jede Macht, auch die gut gemeinte, kontrolliert werden muss. Gibt es in Ihrer Arbeit Verfahren, Räume, Gewohnheiten, in denen Sie die eigenen Mittel prüfen? Also ein Misstrauen gegenüber dem eigenen Schutzauftrag?“
Er setzte das Mikrofon nicht sofort ab. Es war, als wolle er verhindern, dass seine Frage kleiner wurde, bevor sie angekommen war. Im Saal blieb es still. Nicht lange, vielleicht nur zwei Sekunden. Aber zwei Sekunden genügten. Laura spürte, wie sich die Luft veränderte. Nicht dramatisch. Niemand raunte. Niemand wandte sich um. Aber die gemeinsame Temperatur war gestört.
Die Moderatorin lächelte. Es war ein professionelles Lächeln, nicht falsch, aber eilig.
„Vielen Dank für diese Frage“, sagte sie.
Laura wusste, dass eine Antwort, die so begann, oft keine Antwort war.
Die Vertreterin des Bildungsnetzwerks griff zum Mikrofon. Sie sagte, Selbstreflexion sei natürlich ein zentraler Bestandteil demokratischer Arbeit. Man sei ständig im Austausch, evaluiere Formate, achte auf Transparenz, nehme Kritik ernst. Zugleich dürfe man nicht naiv sein gegenüber Kräften, die demokratische Offenheit gezielt ausnutzten, um demokratische Institutionen zu delegitimieren. Es gelte, eine Balance zu finden zwischen Offenheit und Wehrhaftigkeit. Sie sprach gut. Sehr gut sogar. Die Sätze waren glatt, aber nicht dumm. Gerade deshalb ließen sie sich schwer angreifen.
Der Vater nickte. Nicht zustimmend, eher höflich. Er wollte offenbar nachfragen, aber die Moderatorin war bereits weitergegangen. „Ich würde gern noch zwei Fragen sammeln“, sagte sie und sah in einen anderen Teil des Saals.
Laura atmete erst aus, als sie merkte, dass sie die Luft angehalten hatte.
Die restliche Fragerunde verlief ohne Störung. Ein junger Mann fragte nach TikTok, eine Frau nach Förderprogrammen im ländlichen Raum. Die Podiumsteilnehmer antworteten routiniert. Am Ende gab es Applaus. Nicht begeistert, aber deutlich. Die Menschen standen auf, rückten Stühle, griffen nach Mänteln, suchten Gespräche. Die Veranstaltung war gelungen. Jedenfalls hätte man das sagen können. Die Technik hatte funktioniert, der Saal war voll gewesen, die Gäste zufrieden, die Diskussion lebhaft, aber beherrschbar.
Laura hätte erleichtert sein müssen.
Stattdessen sah sie ihren Vater, wie er aufstand und das Mikrofonkabel, das noch über den Boden lief, mit dem Fuß vorsichtig zur Seite schob, damit niemand darüber stolperte.
Diese kleine Bewegung traf sie mehr als seine Frage.