Ist es normal, liegt`s an mir

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Ich wachte heute Nacht schweißgebadet auf. Ich träumte, ich wäre Kafka.

Aus meinem Heimatland war ein Jedermannsland geworden. Finsteres kam und machte sich breit. All seine neuen Gefahren, der Schmutz und die Dunkelheit schien niemand zu bemerken. Keine Polizei, die etwas bewirken konnte, keine Sicherheit mehr für Niemand und Nirgends. Bekenntnisse der Glückseeligkeit und Treue oder Gleichgültigkeit allenthalben. Begrüßungsorgien und Hosiannagesänge begleiteten allerorten das Brandschatzen, zu Tode prügeln, Vergewaltigen und Plündern. Fahrzeuge und Häuser in Brand zu setzen war so alltäglich geworden, wie Klopapier kaufen und „Alltagsmaske“ tragen.

Eine Welle nach der anderen wurde prophezeit, obwohl niemand der Propheten selbst bereit war diese hellblauen Lappen zu tragen.

Niemand hatte bisher eine dieser „Wellen“ tatsächlich gesehen oder verspürt, dennoch ihre Allgegenwärtig wurde durch Medien und Vermutungs-, und Meinungsschaftler unentwegt beschworen und schwebte als Damoklesschwert ständig über uns.

Im Namen der Wellen war jede Art von Verbot möglich geworden: Ausgangsverbot, Parkbankverbot, Joggingverbot, Kontaktverbot, Genussverbot, Fleischverbot, Kulturverbot, Meinungsverbot, Ausreiseverbot, Wirtschaftsverbot, Sparverbot, Denkverbot, Sprechverbot, Kritikverbot, Mottorradverbot, Kohleverbot, Atomkraftverbot, Weißenverbot, Naziverbot, Rassismusverbot, Bücherwändeverbot, Zitateverbot, Wahlverbot, Parteienverbot, Schwimmverbot, Fahrverbot, Gehverbot, Laufverbot, Filmverbot, Musikverbot, Leseverbot, Männerverbot – und ständig kamen neue Verbote hinzu.

Große Mutter, die du bist unterm Himmel, unser täglich Welle gib` uns heute, und vergebe nicht den Zweiflern, denn du bist das Wort und die Meinung und die Wahrheit in Ewigkeit. Du bist das Alpha und das Omega – Du warst der Anfang und wirst unser Ende sein.

Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe

Und weiter träumte ich: Denkmalzerstörer waren Aktivisten, Denkmalverhüller waren Staatsfeinde. Staatsfeinde wurden Staatsrichterinnen und die Alten waren die Bedrohung schlechthin.

Irgendwie schaffte ich es aus meinem Zimmer und aus dem Haus zu kommen. Immer wieder stolperte ich über meine zwei Füße. Der aufrechte Gang will geübt sein. Nichts fällt einem in den Schoß, schon garnicht sich aufzurichten und sein Rückgrat zu nutzen.

Gelegentlich traf ich andere Betroffene, Kafkas, Huxleys, Orwells, Sarrazins, Raspails und andere Zweifler. Aber in der Mehrzahl begenete ich Käfern, die auf dem Rücken lagen, bewegungsunfähig einzig und allein damit beschäftigt auf die Beine zu kommen. Ständig von Angst getrieben, die kommende Welle würde sie unvorbereitet treffen – womit auch immer.

Wenn ich Jemanden begegnete konnte ich mir nicht sicher sein, ob mein Gegenüber eine Weibchen oder ein Männchen war, ständig wechselten sie Aussehen, Stimmlage und Farbe ihres Chininpanzers. Sie waren sich nur in einem einig – sie verstanden meine Worte nicht. Worte, die ich ihnen zurief lösten bei ihnen Verwunderung, Unverständnis oder Zorn aus. Sie krabbelten sie ihres Weges ohne weiter Notiz von mir zu nehmen.

Wobei ihr Gemurmel für mich eher einem einheitlichen Grunzen, Fiepsen oder Kreischen glich. Sie schienen das jedoch, entweder garnicht zu bemerken, oder als normal anzusehen.

In allen Dingen weckt die Kontinuität den Ekel.

Ich spürte, dass sich meine Sinne veränderten. Ich begann mich vor den Abfällen, Gummihandschuhen und Gesichtsmasken die überall auf den Straßen herumlagen und aus allen Mülltonnen quollen, zu ekeln. Ich empfand Widerwillen gegen all das antrainierte Mißtrauen in den Augen der Anderen. Ich versuchte mich verständlich zu machen, aber ich blieb weiterhin unerhört.

Eine Gruppe roter Feuerwanzen kam auf mich zu. (Sie wirken in Massen bedrohlich, sind nutzlos und riechen meist übel. Sie treten gern in riesigen Kolonnen auf und siedeln sich in rissigen, alten Gebäuden an. Sie werden oftmals als störend empfunden.)

Ich versuchte ihnen aus dem Weg zu gehen. Sie steuerten direkt auf mich zu. Sie rasselten warnend mit Ihren Fühlern und ich versuchte ihnen zu entkommen. Ich begann zu laufen, zu rennen – was mir mit nur zwei Beinen schwerfiel. Ich stolperte, fiel, schrie – und erwachte.

Ich benötigte einige Zeit, um zu erkennen wo und was ich war. Ich tastete meinen Körper ab. Alles schien in Ordnung zu sein. Auch der Spiegel im Bad bestätigte das.

Sicherheitshalber schaute ich auf meinen Ausweis: Gregor Samsa, männlich, Tuchhändler.

Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos.

Zitat: Franz Kafka

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