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Frankfurter Schule

Die Diagnose der Anderen – „Gekränkte Freiheit“

Anmerkungen zu Carolin Amlinger und Oliver Nachtweys „Gekränkte Freiheit“ und das Verschwinden des kritischen Spiegels Es gibt Bücher, die in ihrem Erscheinungsmilieu wie ein gut gestelltes Echo klingen — jeder Satz findet seinen Widerhall, und der Widerhall nennt sich Bestätigung. Carolin Amlinger und Oliver Nachtweys „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ (Suhrkamp 2022) ist ein solches Buch. Die Studie war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, wurde von der Süddeutschen Zeitung zum „Pageturner“ erhoben, vom Standard zum „Neoklassiker der Sozialwissenschaften“ geadelt, von der Frankfurter Rundschau zur „gründlichsten und triftigsten Analyse der Querdenkerszene“ erklärt. Das ist viel Lob. Wer sich nicht beirren lässt, prüft, was darunter liegt. Die ehrliche Hälfte Beginnen wir fair. Das Buch hat reale Stärken. Vier Jahre Feldarbeit, 1200 Befragte aus der sogenannten Querdenkerszene, 45 Tiefeninterviews — für eine zeitdiagnostische Studie ist das ein ungewöhnlich solides empirisches Fundament. Auch der Kernbegriff „libertärer Autoritarismus“ ist nicht trivial. Er löst ein klassisches Problem der Frankfurter Schule: Adornos autoritärer Charakter brauchte den starken Staat, die Unterwerfung unter Autorität. Amlinger und Nachtwey zeigen, dass autoritäre Strukturen auch dort wirksam sein können, wo das Selbstbild radikal individualistisch ist — im Ruf nach grenzenloser eigener Souveränität, in der reflexhaften Abwehr jeder Bindung. Die Beobachtung, wie Menschen aus alternativen, oft links geprägten Milieus in rechte Positionen wandern, ist belegt und wichtig. Es gibt diese Figur. Sie ist nicht erfunden, und sie ist nicht harmlos. Bis hierher: solide Sozialwissenschaft. Wo das Ganze kippt Das Problem beginnt eine Schicht tiefer, dort, wo Begriffe nicht nur beschreiben, sondern bewerten — und wo… Weiterlesen »Die Diagnose der Anderen – „Gekränkte Freiheit“