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Erste Reaktionen zu „KI unter Kunstverdacht“.

Im Vorwort des Buches steht: Wer widerlegen will, ist willkommen. Sätze dieser Art sind leicht geschrieben.

Jayne Lytel hat geschrieben. Journalistin, ehemalige Copyeditorin der „Washington Post“, betreibt einen Substack mit dem Titel The Algorithmic Author, in dem sie ihren eigenen Streit um die Urheberschaft eines KI-gestützten Romans dokumentiert. Sie steht in derselben Frage. Von der anderen Seite des Schreibtischs.

Sie hat vier Punkte angemerkt. Drei nehme ich an. Den vierten ergänze ich, weil das Nachprüfen ein vollständigeres Bild ergeben hat.

Erstens: Das Buch sagt KI, wo es generative KI meint. Spam-Filter sind KI. Übersetzungsprogramme sind KI. Das Buch handelt von keinem von beiden. Die Definition wird im Vorwort ergänzt.

Zweitens: Hachettes Erklärung war keine Pressemitteilung. Sie war eine Reaktion auf eine Anfrage der „New York Times“ am 19. März 2026. Der Verlag hat nicht inszeniert. Er hat reagiert. Das ändert die Mechanik. Es macht den Punkt schärfer, nicht stumpfer.

Drittens: Die Person, die Ballard für die Selbstpublikation engagiert hatte, ist im öffentlich Dokumentierten nicht namentlich benannt. Auch ihr Geschlecht nicht. Das männliche Pronomen in der englischen Fassung ist ein Übersetzungsartefakt aus dem deutschen generischen Maskulinum und wird korrigiert.

Viertens: eine Ergänzung, kein Widerspruch.

Lytel verweist auf zwei Pangram-Scores: 78% aus der von Diane Drey identifizierten Raubkopie, und 78,3 Prozent aus dem, was als reguläre Ausgabe galt, gepostet am 23. Januar auf X. Diese Darstellung folgt dem Stand, den die öffentliche Berichterstattung über lange Zeit getragen hat.

Laut unseren Recherchen liegt der Fall anders:

Was die Substack-Journalistin Audrey Henson („The Drey Dossier“) in zwei Beiträgen vom März und April 2026 zusammengetragen hat, durch „The Walrus“ und „Futurism“ in Teilen bestätigt und durch den öffentlichen Blogpost des beteiligten Verlagsberaters Thad McIlroy selbst gedeckt, zeigt:

Der erste Score (Spero, 23. Januar, auf X) wurde an einer Datei erzeugt, in der OceanofPDF-URLs eingebettet waren. Dass der Tweet 2.125 Aufrufe und 17 Likes erreichte, dann verpuffte. Dass Anfang Februar die Pangram-Verkäuferin Asia Laird ihren Geschäftspartner McIlroy auf den Fall aufmerksam machte. Dass McIlroy seinen Bekannten in Österreich um eine „DRM-freie“ Kopie bat — ein Begriff, der bei einem kommerziell publizierten E-Book in der Praxis im Grunde nur durch piratische Quellen einlösbar ist. Dass die erste Datei sich nicht öffnen ließ, weil sie laut McIlroy „seltsam verschlüsselt“ sei — wahrscheinlich also legitim. Dass die zweite Datei funktionierte, McIlroy aber auf direkte Nachfrage von Drey Dossier nicht angeben konnte, aus welchem Retailer sie stammte. Dass er nie verifiziert hat, ob die getestete Datei das selbstpublizierte Original oder eine kopierte Version war.

Pangrams Score auf dieser zweiten, nicht verifizierten Datei: 78,4 Prozent. Beide Scores stammen damit aus Quellen, von denen die eine dokumentiert piratisch ist und die andere durch ihren Tester nie geprüft wurde.

Das ist nicht das Bild, das Lytel weitergegeben hat. Es ist das Bild, das die spätere Recherche gezeichnet hat. Lytels Darstellung folgte dem öffentlich Sichtbaren. Das öffentlich Sichtbare reichte nicht.

Das systematische Argument meines Buchs, Detektoren erkennen Kunst nicht; Orwell zu 87,2 Prozent, Stoker zu 23,3, Bibel und amerikanische Verfassung in den hohen Bereichen, bleibt davon unberührt. Es wird durch den genaueren Blick auf den Fall Pangram/Ballard nicht geschwächt. Es wird verstärkt: Was im konkreten Fall vorliegt, ist nicht ein Detektor, der zwei Mal zum selben Ergebnis kommt, sondern eine Pipeline, in der eine Verkäuferin, ein Berater mit Geschäftsbeziehung zum Anbieter und eine Reporterin in fünf Wochen einen Score zur öffentlichen Beweisführung gemacht haben, ohne die Autorin je zu kontaktieren.

(In der zweiten Auflage wird die Pangram-Passage präzisiert.)

Lytell hat das Buch gelesen, wie es gelesen werden will. Aufmerksam. Nicht ehrfürchtig. Sie hat den Stand der öffentlichen Berichterstattung sauber wiedergegeben. Dass dieser Stand selbst eine Schicht hatte, die erst durch Drey Dossier sichtbar wurde, ist keine Lücke in ihrer Lektüre. Es ist eine Lage. Genau die Lage, von der das Buch handelt: Ein Befund wird zur Tatsache, bevor jemand die Tatsache prüft.

Wer eine Streitschrift schreibt, hat zwei Pflichten: zu der Position zu stehen, und zu den Tatsachen zu stehen. Beides getrennt. Die Position bleibt. Die Tatsachen werden präzisiert.

Ich danke ihr.

Hermann Selchow

Quellen:

  • Audrey Henson, 91 Percent Human: The Shy Girl AI Scandal, The Drey Dossier, 22. März 2026 — https://thedreydossier.substack.com/p/91-percent-human-the-shy-girl-ai
  • Audrey Henson, The Shy Girl AI Scandal Is Way Worse Than You Think, The Drey Dossier, 2. April 2026 — https://thedreydossier.substack.com/p/the-shy-girl-ai-scandal-is-way-worse
  • Thad McIlroy, Shy Girl: The Background to the New York Times Story, The Future of Publishing, 24. März 2026 — https://thefutureofpublishing.com/2026/03/shy-girl-the-background-to-the-new-york-times-story/
  • The Walrus, „I Broke the Year’s Biggest Literary Story. The New York Times Took the Credit.“ — https://thewalrus.ca/new-york-times-ai-generated-shy-girl-mia-ballard/
  • Futurism / Noor Al-Sibai, „Novel Pulled From Shelves After Author Is Accused of Using AI“, 19. März 2026 — https://futurism.com/artificial-intelligence/novel-pulled-author-accused-ai