
Wir leben in einer Welt, worin ein Narr viele Narren, aber ein weiser Mann nur wenige Weise macht.
Georg Christoph Lichtenberg

Vom Völkchen, welches Narren aus den Kindern machte
Die Welt hat der wundersamen Völkchen viele. Von einem weiß man zu erzählen, dass es aus seinen Kindern Narren machte. Die Narren wuchsen heran und machten aus ihrem Land ein Narrenschiff. Sie zertrümmerten die Essen und Webstühle, denn Narren ahnen, wie schmutzig das Werkeln mit den Händen ist.
So erzählt man sich weiter, dass sie darum plappernd und scheinklug daher zu reden begannen von reinen Gedanken, besserem Wetter, der Weltenrettung und anderen Narrenwissenschaft. Dass man denen man zu folgen habe, statt dem schnöden Tag der Alten zu folgen. Dass die Moral köstlicher Nektar sei, mehr als alles Eisen und Tuch, was man da zimmern und wirken könne.
Während sie so schwatzten in sauberen Stuben unter sich, sammelten die anderen Völkchen eifrig deren Werkzeuge auf und bauten damit, was das törichte Völkchen einst selbst gemacht.
Als dann die Tage vergingen und der Magen zu knurren begann, warfen die anderen den Narren Krümel hin – ein paar Brocken Handel, auf das es nicht ganz verschmachte. Das Fleisch seines Wohlstands aber hatten sie längst von den Knochen geschält. Und so lebten sie in Not, aber wissend darum ihre kleine Welt vom Übel der Arbeit befreit zu haben.
Narren sind halt so.

Der Esel & der Tiger
Einst gerieten ein Esel und ein Tiger in einen Streit. Der Esel behauptete, das Gras sei blau, doch der Tiger widersprach: „Nein, es ist grün.“ Sie zankten sich lange, bis sie beschlossen, ihren Zwist vor den König der Tiere zu bringen.
Vor den Thron des Löwen getreten, sprach der Esel: „O weiser König, sage mir, ist es nicht wahr, dass das Gras blau ist?“ Der Löwe nickte und sprach: „Gewiss, das Gras ist blau.“
Der Esel sprang vor Freude in die Luft, doch der Tiger sah den König verwundert an. Da fuhr der Löwe fort: „Und du, Tiger, als Strafe für deinen Widerspruch sollst du einen Monat lang schweigen.“
Der Tiger beugte sein Haupt und nahm die Strafe hin. Doch als die Zeit verstrichen war, kehrte er zum Löwen zurück und sprach: „O König, du weißt ebenso gut wie ich, dass das Gras grün ist. Warum hast du mich dann bestraft?“
Der Löwe seufzte und sprach: „Mein lieber Tiger, du wurdest nicht bestraft, weil du Unrecht hattest. Vielmehr wurdest du bestraft, weil du dich mit einem Esel gestritten hast.“
Die Moral von der Geschicht`: Weise Männer verschwenden ihre Worte nicht im Streit mit Narren.

Weihnachtsgeschichte
Auch Gott trinkt gern mal ein Bier, schrieb einst ein Dichter. Wenn er dann die Fünfe grade sein lässt, geht’s auf Erden wohl drunter und drüber.
Dann, scheint es, sind auch unsere Kirchenherren von den guten Geistern verlassen. Von zweien ganz sicher, dem der Weihnacht und der Nächstenliebe. Da kann es vorkommen, dass sie ein Mütterlein auf die Straße setzen, vor eben dem Haus, in dem sie bisher wohnte.
Womöglich ist ja eigener Bedarf angemahnt so kurz vor der Nacht, in der die Ankunft des Herrn aus dem Morgenland gefeiert wird allenthalben. Dieses Mal soll er nicht in einem schnöden Stall behaust sein, müssen sie beschlossen haben.
Könnte sich wohl jemand von euch Herrn erbarmen und dem Mütterlein den Weg weisen zu diesem Stall, dass sie nicht ganz ohne Dach überm Kopf das Fest der Liebe begehen muss?
Oder habt ihr beides vergessen, den Weg zum Herrn und seine Liebe zum Nächsten?

Kaisers neue Kleider
So begab es sich zu einer Zeit, dass der Kaiser neue Kleider brauchte. In dieser Zeit hatte sich auch allerlei Schalksvolk im Palast eingenistet.
Zweien dieser Strolche juckte wohl das Fell. Von neuen Moden für die Welt redeten sie dem Kaiser vor und das sie ihm die wohl nähen wollten. Sie hatten den Kaiser scheint’s als den Größten unter Gleichen erkannt. Reichen Lohn und lebenslange Rente versprachen sie sich und er ihnen dafür.
Also kauften sie in Wahrheit über Nacht dem Oberstrolch Gewänder in der Art, wie sie von Weibern getragen werden in der dunklen Gasse am westlichen Tor.
Der Kaiser sah die Kleider und sah nichts. Genauer, er sah nichts, das ihm bisher ziemte.
Nun war es aber so, dass die Strolche ihrem Oberstrolch flüsterten, dass nur ein Narr nichts sehe. Klug wie er sich dachte, lobte er, was er nicht sah.
Wir kennen den Knaben, der rief: Aber das sind ja Weiberkleider an dem Kerl!
Nicht gut erging es dem danach. Studieren muss er seither, dass ein Schalk sein kann, was er will und dass er das nicht vergisst, da sei des Henkers Beil vor.
So kann es zugehen in einem Land, wenn Narren sich einen Strolch zum Kaiser wählen.
Übrigens: Es finden sich immer welche, die sich sehen lassen wollen, weil sonst nichts ist, das sich sehen lassen könnte.

Segen und Fluch
Viel Mühsal bereitete unseren Altvorderen der Fluch oder Bann. Drum musste das wohlüberlegt zugehen. Womöglich schlug der Fluch fehl und traf den selbst, der ihn sprach.
Bei Vollmond baren Fußes Kräuter sammeln und nur dazu geeignete. Ein Püpplein bauen aus Stock oder Stein und daran binden was vonnöten. So konnte es gelingen, zu jener Zeit.
Auch nächtens tanzen in einem Kreis um ein Feuer, dahinein man die Kräuter warf, konnte gelingen zum Johannismond. Sieben Gleiche waren hierfür nötig, sagt man. Sieben oder dreizehn an der Zahl, die die alten Texte singen konnten.
Was hat die Technik doch für Fortschritt gebracht. Behaglich bei Kaffee und Kuchen auf dem Sofa, erlaubt sie uns zu bannen, fluchen und blocken in ungeahnter Zahl und in Bequemlichkeit, die uns auf X ein U vormachen wollen.
Gesegnet seist du und dein Byte in Ewigkeit. Amen

Haut und Knochen
Während sie unsere Hoffnungen und Sitten massakrieren, werfen sie uns Almosen als Knochen hin, dass wir unsere Zähne an ihnen wund kauen.
Weil sie unser Fleisch für sich wollen. Das Fleisch schälen sie uns von den Knochen, die wir zu Markte tragen, die und unsere Haut.
Wir könnten aber unsere Zähne nehmen und kräftig um uns beißen, bevor sie uns die auch ziehen.
Aber Narren tun so nicht.

Das kluge Richterlein
An einem Gericht sind der klugen Leute viele. Dort braucht es Klugheit vor und hinter der Schranke.
So kam mir ein Fall zu Ohren, in dem viel Klugheit zusammen kam. An diesem Tag wurden ihrer acht Strolche gefangen. Einem Weib waren sie auf den Leim gegangen, fingen die acht an zu klagen, verrucht in Kleidung und im Benehmen. Offenbar waren sie klug beraten zuvor, so zu tun.
Neu in diesem Land und schutzlos in ihrer Jugend, hätten sie sich der Verlockung nicht erwehren können, klagten sie. Nicht klar sei ihnen gewesen und auch gleichgültig, dass heimatlich Erlerntes hier nicht recht gelten solle.
Klug war aber auch das Richterlein. So klug, dass es wusste, dass Gerechtigkeit hier vonnöten war. Und so sprach es gerecht für sich und seinem Schutz. Es ließ ihrer sieben laufen. Den achten Strolch hingegen schalt es streng.
Was dem Weib fortan ein Leben sein soll, weiß ich nicht zu berichten. Sie wird wohl den achten aus dem Wege zu gehen versuchen.
Was nützt es also, wenn das Gericht die klugen Leute hat und bei Hofe Narren tanzen?
